"Demütigung ist schlimmer als körperlicher Schmerz", tatsächlich aktiviert Scham dieselben Hirnbereiche wie Schmerz. Beschämung wirkt als extremer Stress, löst Angst aus, führt zu einem kognitiven Schock. Höhere psychische Funktionen wie Vernunft, Gedächtnis, Sprachvermögen oder Affekt- Regulierung sind nicht mehr verfügbar, wenn man im akuten psychischen Aggregatzustand der Scham ist. Die traumatische Ohnmachtssituation der Scham führen zu einem fehlregulierten Zustand von zugleich erhöhter parasympathischer und sympathischer Reaktivität, sozusagen Bremse und Gas gleichzeitig. Scham schützt unsere soziale Identität, so wie Schmerz unseren Köper schützt, das schmerzhafte Gefühl der Scham warnt, wenn unsere Grenzen verletzt werden. Scham reguliert Nähe und Distanz, Privatheit und Öffentlichkeit, Zugehörigkeit und Ausgeschlossenheit, Anpassung und moralisches Verhalten. Eine gesunde Scham ist notwendig für uns als soziale Wesen, die Fähigkeit, Scham zu fühlen, entsteht früher als Schuld, schon ab Mitte des 2. Lebensjahres. Als Menschen sind wir auf soziale Zugehörigkeit existentiell angewiesen, nicht nur als Säugling. Die alte Strafpraxis der Ächtung war häufig tödlich. Heute ist messbar, dass schon mangelnde Anerkennung das Sterberisiko erhöht, und dass weniger Wertschätzung zu mehr gesundheitsschädigendem Verhalten führt. Demütigung ist immer ein Bestandteil von Folter, sie ist der Wegbereiter tödlicher Gewalt. Ob diskriminierende Rassengesetze, die im 3.Reich den Völkermord vorbereiteten oder ob in einer Paarbeziehung Stalking dem Mord vorangeht, der Mechanismus bleibt gleich: Demütigung ist Seelenmord, der so oder so den körperlichen Tod anbahnt. Quälerei führt zumindest zum sozialen Tod des Opfers, dabei wirkt sich der Vorgang der Quälerei, die Beschämung, auf alle Mitglieder des sozialen Systems aus. Interessanterweise ist Scham und ihre Wirkung für jeden erfahrbar und doch sind die psychischen und sozialen Zusammenhänge ein großes Tabu. Scham ist ansteckend, wer die Scham eines Opfers mitfühlt oder sich für die Täter schämt, zieht sich zurück. Eine Verdrängung und Verleugnung in riesigen Ausmaßen findet statt, wenn man nur die aktuelle Häufigkeit von Quälerei betrachtet. Auch hier heißt es dann: " Wir haben das nicht gewusst." Andauernde Quälerei erzeugt gezielt Scham, so geht das Bewusstsein der eigenen Würde verloren, die Fähigkeit, die eigene Würde zu schützen wird eingeschränkt. Der Verlust von Würde ist aber ein wesentlicher Verlust, nämlich das, was dem Menschen wesentlich ist, der Kern seiner Identität, sein einzigartiges Selbst, sein Körper und seine Gefühle und Gedanken, seine Sexualität und Kreativität, sein Ausdruck, seine Werte, Entwicklungsmöglichkeiten und sein Lebenssinn. Entsprechend erleben Opfer von Quälerei noch Jahre später z.B. soziale Ängste, den Verlust von Libido und Depersonalisation. Langfristig wird die traumatische Scham der Quälerei unter dem großen Druck verinnerlicht, der Betroffene schämt sich seiner selbst, ist zunehmend überzeugt von seiner eigenen Dummheit, Minderwertigkeit, Schwäche und Unfähigkeit. Dies steigert sich zur Angst, aus der menschlichen Gesellschaft ausgestoßen zu sein, Angst vor totaler Verlassenheit, vor psychischer Vernichtung. Wer dieses schmerzhafteste aller Gefühle erlebt, flüchtet, indem er oder sie sich unbewusst von sich selbst distanziert, innerlich quasi die Seiten wechselt, sich von außen betrachtet und schließlich selbst beschämt und bestraft. Dies zu verstehen, Mitgefühl für sich selbst aufzubringen, sich wieder selbst beistehen zu lernen, ist ein wesentlicher Schritt der Heilung. Buchtipps: Vom Schämen und Beschämt werden" Udo Baer / Gabriele Frick-Baer “Die Würde des Menschen oder Der blinde Fleck in unserer Gesellschaft” von Stephan Marks Scham